Der andere Bernd Masmeier
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 Schreiben kann helfen


 

Im Rahmen meiner Tätigkeit als Referent für Sozialrecht und Sozialpolitik beim Bundesverband für Körper- und Mehrfachbehinderte musste ich selbstverständlich viel schreiben. Die Beratungstätigkeit erforderte das Abfassen von Briefen. zu Gesetzesvorhaben mussten Stellungnahmen erarbeitet werden. Eigene Vorstellungen des Verbandes mussten ausformuliert werden, und neue Regelungen mussten in verständlicher Form den Menschen, die sie betrafen, vermittelt werden. Nicht immer leicht war es, die verklausulierte Sprache der Gesetzesmacher und der Richter in ein Deutsch zu „übersetzen", das von den Menschen, die diese Informationen benötigten, auch verstanden wurde. In dieser Eigenschaft habe ich gelernt, solche Texte zu verfassen, wie den auf dieser Homepage dargestellten „Entwurf einer neuen Politik zu Gunsten von Menschen mit Handicap".

Zwar hatte ich in meiner Jugend schon ein wenig zu „dichten" versucht und Anfang der 1990-er Jahre auch einmal angefangen, meine persönlichen Erinnerungen aufzuschreiben. Doch das waren Ansätze geblieben, die ich nicht weiter verfolgt hatte. Im Januar 1995 jedoch zeigte mir meine Freundin Corinna während einer gemeinsamen Reha-Maßnahme einige Texte, mit denen sie ihre ganz persönlichen Probleme zu bewältigen versucht hatte. Diese Texte imponierten mir, und ich dachte: „Das kannst du auch." Auf einem Palmtop schrieb ich einen „Versuch", den ich am nächsten Tag Corinna zeigte; sie war begeistert, und aus mir brach es wie eine sprudelnde Quelle hervor. In den noch etwa 14 Tagen dieser Reha-Maßnahme entstanden 21 Gedichte, die ich - wieder zu Hause angekommen - auf meinen PC übertrug. Im Laufe der Jahre sind es über 150 Werke geworden, und es kommen immer noch neue hinzu, wenn auch nicht mehr in der anfänglichen Intensität. Aber das Schreiben hilft mir, schwierige Situationen und seelische Stimmungen besser zu bewältigen, und auch gesellschaftskritische Momente kommen nicht zu kurz. Ein Beispiel für ein solches Werk, das auch ein wenig mit dem Thema dieser Website zu tun hat, folgt nun:

 

               Lebens(un)wert

„Das Leben ist das höchste Gut“,

ist mehr als eine philosophische Aussage.

Aber es gibt Philosophen

(fast möchte ich sagen: selbsternannte),

die sich anmaßen, Leben einzuteilen:

sie meinen, einige Leben seien lebensunwert.

Menschen, die in diese Kategorie fallen,

dürfen ihrer Meinung nach

nach der Geburt sterben gelassen werden,

weil sie nicht genügend Glück erleben können;

gemeint sind Menschen mit einer Behinderung.

Menschen wie der, der diese Zeilen schrieb.

Woher wissen diese Philosophen,

welcher Mensch wieviel Glück zu empfinden vermag?

Wie wollen sie überhaupt Glück definieren?

Und was ist schließlich eine Behinderung?

Fragen über Fragen.

Menschen zeichnen sich dadurch aus, denken zu können.

Sie bilden Staaten, um ihre Gesellschaften zu organisieren.

Es gibt Stärkere und Schwächere.

Um die Schwächeren zu schützen, wurde die Solidarität erfunden.

Das Recht des Stärkeren wurde außer Kraft gesetzt,

Menschlichkeit soll die menschliche Gesellschaft auszeichnen.

Auch wer schwach ist und Hilfe braucht,

soll ein Recht auf Glück haben:

Und er erlebt es!

Wer einem Menschen das Recht absprechen will,

auf die Welt zu kommen und dort zu leben,

weil er meint, dieser Mensch könne nichts zum Bruttosozialprodukt beitragen

(das ist der wahre Hintergrund),

der stellt selbst sein Menschsein in Frage!

Wer mich außerhalb der Gesellschaft stellen will,

der stellt sich selbst dorthin!

Ich möchte unter menschlichen Menschen leben

und nicht unter philosophischen Tieren!

Bad Zwesten, den 21. Januar 1995